Winnie Christoph, von Beruf Sonntagskind

Geboren am Sonntag 25. Juni 2006 um 17:25
2,98 kg
52 cm

 
Bericht über eine Hausgeburt im Wasser
   


2. Juni 2006

Alles steht bereit für die Hausgeburt im Wasser:
Das neue Haus, ein gemietetes Gebärbecken. Mit Isabelle Députier haben wir eine Hebamme gefunden, der wir vertrauen und die uns in den letzten Monaten vorbereitet hat. Die Schwangerschaft verläuft gut. Isabelle kommt zur Untersuchung vorbei. Neben den meist lustigen Vorbereitungsstunden gibt es auch sachlich nüchternes wie den Wehenschreiber. Das erste Mal werden wir heute angehängt. Alle 5 Minuten spüre ich einen sanften Stoß von meinem Baby. Ich streichle die "Beule" auf meinen Bauch und lache. Nach 15 Minuten hört sich der Spaß auf. Der Kleine bewegt sich wild. Isabelle stoppt den Wehenschreiber und überprüft die Position des Kleinen: Er hat sich gedreht und ist jetzt in der Steißlage. Ich bin besorgt. Werden wir es schaffen, eine Hausgeburt zu erleben?


14. Juni 2006

Bruno und ich haben die Vorbereitung mit Pascale Gendreau, der Doula die uns auch bei der Geburt begleiten wird, abgeschlossen. Nach den letzten Turbulenzen gibt sie mir eine Massage und der Kleine dreht sich richtig. Isabelle kommt und bestätigt: Alles wieder in Ordnung!

24. Juni 2006

Endlich! Meine Schwester Michi ist am Vorabend ankommen. Am vormittag fahren wir gemeinsam in den samstäglichen Kurs "chant prénatal" - Lieder & Entspannung für Schwangere. Als ich im April in Österreich war haben wir gemeinsam diese Lieder gesungen. Heute hat sie die Chance den Ursprung meiner Liederkenntnisse persönlich kennenzulernen. Wir sind 5 "Future Mères". Wir "arbeiten" indem wir uns unter Anleitung von Brigitte Bonnet entspannen und singen. Das sind Glücksmomente für mich und meinen Kleinen. Ich spüre wie nah Michi und ich sind: Sie unterstützt mich, atmet, singt und lacht mit mir. Sie ist zum ersten Mal in der Gegend von Bordeaux. Am Abend machen wir einen kleinen Ausflug nach Arcachon: crêpes & gauffres mit viel Schlagobers, Beine in den Atlantik stecken, wunderbar kitschig rosaroten Sonnenuntergang bewundern.


25. Juni 2006

9:00 Idylle in der Hängematte

Ein ruhiger Sonntagmorgen: nach einem gemütlichen Frühstück lege ich mich in die Hängematte, um die ersten Sonnenstrahlen zu geniessen. Gestern Abend war es spät und so ist es noch sehr still, da Bruno und Michi noch schlafen.


9:30 Ab in die Küche

Während ich an einem Buch über die Geburt lese, gehen wieder einmal Wehen los. Bisher ein angenehmes Gefühl der "Vorbereitung", das mich die letzten Wochen begleitet hat. Heute fühlt es sich anders an. Bei einer stärkeren Wehe geht etwas Schleim und Blut ab. Bruno kommt gerade rechtzeitig auf die Terasse. Eine Mischung aus Ruhe und aufgeregt sein liegt in der Luft. Was tun? Ah ja, die Hebamme hat uns bei der Vorbereitung eingetrichtert wenn es losgeht als erstes einen Kuchen zu backen. Erstens beschäftigt das, zweitens gibt so ein Zuckerwerk Kraft und Energie für die Geburt. Also in die Küche, Spezialrezept "Winnie's Ölkuchen". Parallel mixe ich auch noch ein Vollkornkürbiskernbrot zusammen. Bruno geht in der Zwischenzeit unter die Dusche und frühstückt.


10:00 Statistik

Die Wehen werden regelmäßiger. Alle 3-5 Minuten. Ich fange an die Zeiten aufzuschreiben. Michi steht auf. Spüre, es ist gut sie noch nicht zu informieren, damit sie in Ruhe noch duschen kann. Doch sie merkt, dass wir mit Zahlen und Zeiten herumtun und fragt ob eh alles OK ist. Aufregung als sie erfährt, dass es langsam losgeht. Kann sie noch in Ruhe duschen? Sicher. Noch mehr als Zeit genug!


10:30 Letzte Vorbereitungen

Es wird Zeit, das Zimmer unseres Kleinen vorzubereiten. Bruno und ich schlichten all die schönen Kleidungsstücke nach Größe und Art. Dann wird entschieden, was ihm als erstes angezogen werden soll. Das Geburtsbecken steht schon seit Wochen bereit und muss nur noch mit Wasser befüllt werden. Doch dafür ist es wohl noch zu früh. Zuerst wollte ich unbedingt die Hebamme anrufen und informieren, jetzt drängt Bruno darauf und ich bremse ihn.


12:00 Kleiner Ausflug

Mehr als 2 Stunden Wehen mit 2 bis 5 Minuten Abstand. Bruno spricht der Hebamme Isabelle auf den Anrufbeantworter. Ich will unbedingt noch raus. Sie hat uns ja empfohlen viel zu gehen. Vielleicht ein kleiner Ausflug auf die höchste Düne Europas, die hier ja ums Eck ist? Obwohl Bruno Bergführer ist, ist er da absolut dagegen. Schade, so gern wollte ich noch ein bisserl Sightseeing mit Michi machen. Ich schaffe es zumindest zu einen kleinen Ausflug: 2 Orte weiter ist einer der besten französischen Chocolatiers, und da decken wir uns noch mit Schokotorte und kleinen Zuckerhäppchen ein. So ein Ereignis gehört schliesslich auch anständig gefeiert. Und weil es so schön ist bestehe ich noch darauf, dass wir zum Hafen von Larros fahren. Es ist Ebbe, die Schiffe liegen im Hafen am Erdboden. Michi ist begeistert, ich geniesse dieses Luftschnappen, während Bruno darauf drängt endlich nach Hause zu fahren. Zweiter Anruf bei der Hebamme. Sie kommt in einer Stunde. Nein, nicht doch, das ist doch immer noch zu früh. Ich hab doch noch gar nicht all das gemacht, was ich machen wollte. Anruf bei Pascale, unserer Doula, die uns auf die Geburt vorbereitet hat und uns ebenfalls begleiten wird. Auch sie kommt.


13:00 Wieder daheim

Die Zeit läuft, und ich will doch noch soviel machen. Es zipft mich an, dass das jetzt alles so schnell geht. Wie aus Protest werden die Wehen weniger und seltener. Also an den Computer, "fertigarbeiten". Mein Büro ist im absoluten Chaos versunken. Es wird mir bewußt, dass sich das alles so nicht mehr ausgehen wird. In ein paar Minuten wird wohl Hebamme und Doula in der Tür stehen. Es hilft alles nix, ab ins Bad: Ich wollte doch unbedingt einen Einlauf machen, damit die Geburt leichter wird. Bruno hat mir versprochen mir zu helfen und er macht es super! Ab aufs Klo. Uj, wenn das schon so weh tut, und das ist (noch) kein Baby, wie schmerzhaft wird dann wohl die Geburt werden?


14:00 Fehlalarm?

Pascale unsere Doula und Isabelle unsere Hebamme treffen ein. Isabelle ist enttäuscht, dass ich nicht stärkere Wehen habe. Status: Muttermundöffnung erst 1-2 cm. Ich bin frustriert, dass jetzt schon alle dasitzen. Können sie nicht einfach wieder fahren? Nein, sie bleiben. Zuerst soll ich mal anständig zu Mittag essen, dann werden wir gemeinsam spazieren gehen. Ich will doch noch meinen Bürokram am Computer fertigmachen. Wie lange das dauert? Ca 1 Std. Isabelle meint: Zuerst der Spaziergang, dann werden wir sehen, ob ich noch Lust dazu habe. Hunger habe ich, das stimmt. 1 Portion Gemüsereis und 2 Portionen Gemüsenudeln. Um 15:00 kommt eine Fotografin vorbei, die sich für unser Geburtsbecken interessiert. Hier in Frankreich sind Hausgeburten absolute Raritäten und Wassergeburten soundso.


15:30 Schnelle Entscheidung und langsamer Spaziergang

Bruno und ich sehen uns die Fotos an, die die Fotografin Marina vor 3 Wochen bei Martina gemacht hat. Martina kennen wir von der Geburtsvorbereitung im Wasser. Sie ist selbst Hebamme. Ich bin verwundert über den vielfachen Ausdruck von Schmerz in Martina's Gesicht. Na, das wird ja wohl noch lustig werden... Wir entscheiden uns dafür Marina die Zustimmung zu geben bei der Geburt zu fotografieren, wenn sie keinen Blitz verwendet und wir nach der Geburt mit unserem Kleinen in Stille allein sein können. Marina ist zufrieden, auch über das gute Timing, es gerade noch geschafft zu haben, uns vor der Geburt zu kontaktieren. Sie fährt weg um ihre Ausrüstung zu holen. Jetzt kann es also endlich losgehen: Ab zum Spaziergang. Isabelle zeigt uns "Hängepositionen" in denen die Wehen am besten verarbeitet werden können. Wir marschieren in den Wald, der 50 m von unserem Haus beginnt und ich werde sofort eingebremst. Kein Wettbewerb, nicht "wer ist am schnellsten am Hafen". Schön langsames schlendern. Es gibt Gelsen die mich stechen, doch Isabelle meint, das ist doch alles viel weniger schlimm als die Wehen... Dieses "HängenlassenSystem" ist super! Ich lerne den Unterschied, wenn es vorne wehtut - Öffnung des Muttermundes - und wenn es hinten wehtut - Babykopf senkt sich. Beides sind sehr gute Zeichen, und es klappt sehr gut loszulassen und mich auf Bruno oder Isabelle gestützt hängen zu lassen. Pascale massiert das Kreuzbein. Herrlich. Ein Sonntagsspaziergang mit "netten" Wehenpausen. Alle 3 Minuten. Alle 2 Minuten. Pferde und Esel am Wegesrand. Die Sonne brennt heiss. Einmal versuche ich noch vor einer Wehe in den Schatten eines Baumes zu gelangen: tut höllisch weh, das nächste Mal bleib ich wieder stehen und lass mich genau dort hängen wo es grad soweit ist. Kein "noch 2 Meter und zähnezusammenbeissen mehr".


16:30 Überraschung

Zurück im Haus: Bruno beginnt das Geburtsbecken mit Wasser zu füllen. Isabelle kontrolliert Herztöne des Babys und Wehen. Alles OK! Ab zur Muttermunduntersuchung. 9 cm, also fast geschafft. Ich bin verwundert, dass das jetzt so schnell gegangen ist. Pascale massiert mir wieder das Kreuzbein. Positionswechsel: Sitzball, 4 Pfoten. Die Vorbereitung im "Chant Prénatal" fällt mir ein. Michi kommt, damit wir noch gemeinsam ein Liedchen trällern. Interessanterweise können wir den "Hibou si triste" noch komplett singen, ohne dass uns eine Wehe dabei stört.


17:10 Ab ins Wasser

Endlich geht’s in erfrischende Nass. Der Wasserboiler ist völlig entleert und das Becken noch nicht ganz voll, doch die Wasserhöhe reicht vorläufig. Wenn ich will kann ich schon pressen. Nächste Wehe kommt: Ganz intuitiv, ja ich will! Na, das fühlt sich ungewohnt an. Bin von der Intensität und dem neuen Gefühl der Presswehen völlig überrumpelt. Hilfe, wo ist da der Notausgang, wie ist das zu stoppen? "Ne panique pas!"- Nur keine Panik... Ich frag Isabelle, ob wir da nicht ein bisserl langsamer arbeiten können, es geht einfach zu schnell. Sie antwortet natürlich! Ganz wie Du willst, in Deinem Rhythmus. OK, also nicht ganz so schnell. Es dauert nicht lange, bis Bruno auch endlich ins Wasser hüpft, um sich hinter mich zu setzen und mich gut abzustützen. Kurz darauf meint Isabelle es ist notwendig dass sie ins Wasser steigt. Ob es uns was ausmacht sie in der Unterhose zu sehen. Ich biete ihr an eine von meinen Badehosen auszuborgen, doch dafür ist keine Zeit. Ob ich einen kalten Fetzen auf die Stirn möchte oder Wasser trinken. Nein danke. Eingespannt zwischen Bruno und Isabell: nächste Presswehe. Wie schnell sich meine Meinung ändert: ja bitte, Wasser trinken. Die Fotografin springt vom Sessel, reicht mir das Wasser. Ich schaffe es grad noch einen Schluck zu nehmen und das Glas an Pascale weiterzureichen, bevor die nächste Presswehe einsetzt. Isabelle läßt mich das Kinderköpfchen greifen, dass schon zu spüren ist: Unheimlich langer Haarflausch. Kurz darauf liegt er auch schon auf meinem Bauch:

Winnie Christoph, von Beruf Sonntagskind.

Geboren am 25. Juni 2006 um 17:25
2,98 kg
52 cm

Es ging alles so schnell, dass ich es gar nicht fassen konnte, dass es schon vorbei ist!

Keine Medikamente, Keine Eingriffe, Weder Dammschnitt noch -riss noch sonstiges.

Natürliche Geburt. Was schöneres kann es wohl nicht geben.

Unsere erste Woche mit dem Kleinen ist wie im Flug vergangen.


Wir danken allen, die uns in den letzten Monaten unterstützt sowie auf dieses Ereignis vorbereitet haben:

Dr. Petra Zizenbacher • Ärztin • www.zizenbacher.at
Isabelle Députier • Hebamme
Pascale Gendreau • Doula • www.corpsaccords.info
Brigitte Bonnet • Chant Prénatal • perso.orange.fr/brigittebonnet
Clémence • Vorbereitung im Wasser • www.laloutrebleue.com

Marine Boivin • SchwarzWeissFotos •www.marineboivin.com

Ganz besonderer Dank gilt unseren Familien, meinen Eltern, die so einfühlsam begleitet haben und mir viel organisatorisches sowie Bürokram abgenommen haben.
Meiner Schwester Michaela ein ganz herzliches Dankeschön für mehr als eine Woche "Rundumbetreuung".

 


Photo © by Marine Boivin

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Winnie Christoph & Elvira Ilming & Bruno Schmucki
 



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