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2. Juni 2006
Alles steht
bereit für die Hausgeburt im Wasser:
Das neue Haus, ein gemietetes Gebärbecken. Mit Isabelle Députier
haben wir eine Hebamme gefunden, der wir vertrauen und die uns in
den letzten Monaten vorbereitet hat. Die Schwangerschaft verläuft
gut. Isabelle kommt zur Untersuchung vorbei. Neben den meist lustigen
Vorbereitungsstunden gibt es auch sachlich nüchternes wie den
Wehenschreiber. Das erste Mal werden wir heute angehängt. Alle
5 Minuten spüre ich einen sanften Stoß von meinem Baby.
Ich streichle die "Beule" auf meinen Bauch und lache.
Nach 15 Minuten hört sich der Spaß auf. Der Kleine bewegt
sich wild. Isabelle stoppt den Wehenschreiber und überprüft
die Position des Kleinen: Er hat sich gedreht und ist jetzt in der
Steißlage. Ich bin besorgt. Werden wir es schaffen, eine Hausgeburt
zu erleben?

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14. Juni 2006
Bruno
und ich haben die Vorbereitung mit Pascale
Gendreau, der Doula die uns auch bei der Geburt begleiten wird,
abgeschlossen. Nach den letzten Turbulenzen gibt sie mir eine Massage
und der Kleine dreht sich richtig. Isabelle kommt und bestätigt:
Alles wieder in Ordnung!

24. Juni
2006
Endlich! Meine
Schwester Michi ist am Vorabend ankommen. Am vormittag fahren wir
gemeinsam in den samstäglichen Kurs "chant prénatal"
- Lieder & Entspannung für Schwangere. Als ich im April
in Österreich war haben wir gemeinsam diese Lieder gesungen.
Heute hat sie die Chance den Ursprung meiner Liederkenntnisse persönlich
kennenzulernen. Wir sind 5 "Future Mères". Wir
"arbeiten" indem wir uns unter Anleitung von Brigitte
Bonnet entspannen und singen. Das sind Glücksmomente für
mich und meinen Kleinen. Ich spüre wie nah Michi und ich sind:
Sie unterstützt mich, atmet,
singt und lacht mit mir. Sie ist zum ersten Mal in der Gegend von
Bordeaux. Am Abend machen wir einen kleinen Ausflug nach Arcachon:
crêpes & gauffres mit viel Schlagobers, Beine in den Atlantik
stecken, wunderbar kitschig rosaroten Sonnenuntergang bewundern.

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25. Juni 2006
9:00 Idylle
in der Hängematte
Ein ruhiger
Sonntagmorgen: nach einem gemütlichen Frühstück lege
ich mich in die Hängematte, um die ersten Sonnenstrahlen zu
geniessen. Gestern Abend war es spät
und so ist es noch sehr still, da Bruno und Michi noch schlafen.

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9:30 Ab in die Küche
Während
ich an einem Buch über die Geburt lese, gehen wieder einmal
Wehen los. Bisher ein angenehmes Gefühl der "Vorbereitung",
das mich die letzten Wochen begleitet hat. Heute fühlt es sich
anders an. Bei einer stärkeren Wehe geht etwas Schleim und
Blut ab. Bruno kommt gerade rechtzeitig auf die Terasse. Eine Mischung
aus Ruhe und aufgeregt sein liegt in der Luft. Was tun? Ah ja, die
Hebamme hat uns bei der Vorbereitung eingetrichtert wenn es losgeht
als erstes einen Kuchen zu backen. Erstens beschäftigt das,
zweitens gibt so ein Zuckerwerk Kraft und Energie für die Geburt.
Also in die Küche, Spezialrezept "Winnie's Ölkuchen".
Parallel mixe ich auch noch ein Vollkornkürbiskernbrot zusammen.
Bruno geht in der Zwischenzeit unter die Dusche und frühstückt.

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10:00 Statistik
Die Wehen werden
regelmäßiger. Alle 3-5 Minuten. Ich fange an die Zeiten
aufzuschreiben. Michi steht auf. Spüre, es ist gut sie noch
nicht zu informieren, damit sie in Ruhe noch duschen kann. Doch
sie merkt, dass wir mit Zahlen und Zeiten herumtun und fragt ob
eh alles OK ist. Aufregung als sie erfährt, dass es langsam
losgeht. Kann sie noch in Ruhe duschen? Sicher. Noch mehr als Zeit
genug!

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10:30 Letzte Vorbereitungen
Es wird Zeit,
das Zimmer unseres Kleinen vorzubereiten. Bruno und ich schlichten
all die schönen Kleidungsstücke nach Größe
und Art. Dann wird entschieden, was ihm als erstes angezogen werden
soll. Das Geburtsbecken steht schon seit Wochen bereit und muss
nur noch mit Wasser befüllt werden. Doch dafür ist es
wohl noch zu früh. Zuerst wollte ich unbedingt die Hebamme
anrufen und informieren, jetzt drängt Bruno darauf und ich
bremse ihn.

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12:00 Kleiner Ausflug
Mehr als 2 Stunden
Wehen mit 2 bis 5 Minuten Abstand. Bruno spricht der Hebamme Isabelle
auf den Anrufbeantworter. Ich will unbedingt noch raus. Sie hat
uns ja empfohlen viel zu gehen. Vielleicht ein kleiner Ausflug auf
die höchste Düne Europas, die hier ja ums Eck ist? Obwohl
Bruno Bergführer ist, ist er da absolut dagegen. Schade, so
gern wollte ich noch ein bisserl Sightseeing mit Michi machen. Ich
schaffe es zumindest zu einen kleinen Ausflug: 2 Orte weiter ist
einer der besten französischen Chocolatiers, und da decken
wir uns noch mit Schokotorte und kleinen Zuckerhäppchen ein.
So ein Ereignis gehört schliesslich auch anständig gefeiert.
Und weil es so schön ist bestehe ich noch darauf, dass wir
zum Hafen von Larros fahren. Es ist Ebbe, die Schiffe liegen im
Hafen am Erdboden. Michi ist begeistert, ich geniesse dieses Luftschnappen,
während Bruno darauf drängt endlich nach Hause zu fahren.
Zweiter Anruf bei der Hebamme. Sie kommt in einer Stunde. Nein,
nicht doch, das ist doch immer noch zu früh. Ich hab doch noch
gar nicht all das gemacht, was ich machen wollte. Anruf bei Pascale,
unserer Doula, die uns auf die Geburt vorbereitet hat und uns ebenfalls
begleiten wird. Auch sie kommt.

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13:00 Wieder daheim
Die Zeit läuft,
und ich will doch noch soviel machen. Es zipft mich an, dass das
jetzt alles so schnell geht. Wie aus Protest werden die Wehen weniger
und seltener. Also an den Computer, "fertigarbeiten".
Mein Büro ist im absoluten Chaos versunken. Es wird mir bewußt,
dass sich das alles so nicht mehr ausgehen wird. In ein paar Minuten
wird wohl Hebamme und Doula in der Tür stehen. Es hilft alles
nix, ab ins Bad: Ich wollte doch unbedingt einen Einlauf machen,
damit die Geburt leichter wird. Bruno hat mir versprochen mir zu
helfen und er macht es super! Ab aufs Klo. Uj, wenn das schon so
weh tut, und das ist (noch) kein Baby, wie schmerzhaft wird dann
wohl die Geburt werden?

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14:00 Fehlalarm?
Pascale unsere
Doula und Isabelle unsere Hebamme treffen ein. Isabelle ist enttäuscht,
dass ich nicht stärkere Wehen habe. Status: Muttermundöffnung
erst 1-2 cm. Ich bin frustriert, dass jetzt schon alle dasitzen.
Können sie nicht einfach wieder fahren? Nein, sie bleiben.
Zuerst soll ich mal anständig zu Mittag essen, dann werden
wir gemeinsam spazieren gehen. Ich will doch noch meinen Bürokram
am Computer fertigmachen. Wie lange das dauert? Ca 1 Std. Isabelle
meint: Zuerst der Spaziergang, dann werden wir sehen, ob ich noch
Lust dazu habe. Hunger habe ich, das stimmt. 1 Portion Gemüsereis
und 2 Portionen Gemüsenudeln. Um 15:00 kommt eine Fotografin
vorbei, die sich für unser Geburtsbecken interessiert. Hier
in Frankreich sind Hausgeburten absolute Raritäten und Wassergeburten
soundso.

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15:30 Schnelle Entscheidung und langsamer Spaziergang
Bruno und ich
sehen uns die Fotos an, die die Fotografin Marina vor 3 Wochen bei
Martina gemacht hat. Martina kennen wir von der Geburtsvorbereitung
im Wasser. Sie ist selbst Hebamme. Ich bin verwundert über
den vielfachen Ausdruck von Schmerz in Martina's Gesicht. Na, das
wird ja wohl noch lustig werden... Wir entscheiden uns dafür
Marina die Zustimmung zu geben bei der Geburt zu fotografieren,
wenn sie keinen Blitz verwendet und wir nach der Geburt mit unserem
Kleinen in Stille allein sein können. Marina ist zufrieden,
auch über das gute Timing, es gerade noch geschafft zu haben,
uns vor der Geburt zu kontaktieren. Sie fährt weg um ihre Ausrüstung
zu holen. Jetzt kann es also endlich losgehen: Ab zum Spaziergang.
Isabelle zeigt uns "Hängepositionen" in denen die
Wehen am besten verarbeitet werden können. Wir marschieren
in den Wald, der 50 m von unserem Haus beginnt und ich werde sofort
eingebremst. Kein Wettbewerb, nicht "wer ist am schnellsten
am Hafen". Schön langsames schlendern. Es gibt Gelsen
die mich stechen, doch Isabelle meint, das ist doch alles viel weniger
schlimm als die Wehen... Dieses "HängenlassenSystem"
ist super! Ich lerne den Unterschied, wenn es vorne wehtut - Öffnung
des Muttermundes - und wenn es hinten wehtut - Babykopf senkt sich.
Beides sind sehr gute Zeichen, und es klappt sehr gut loszulassen
und mich auf Bruno oder Isabelle gestützt hängen zu lassen.
Pascale massiert das Kreuzbein. Herrlich. Ein Sonntagsspaziergang
mit "netten" Wehenpausen. Alle 3 Minuten. Alle 2 Minuten.
Pferde und Esel am Wegesrand. Die Sonne brennt heiss. Einmal versuche
ich noch vor einer Wehe in den Schatten eines Baumes zu gelangen:
tut höllisch weh, das nächste Mal bleib ich wieder stehen
und lass mich genau dort hängen wo es grad soweit ist. Kein
"noch 2 Meter und zähnezusammenbeissen mehr".

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16:30 Überraschung
Zurück
im Haus: Bruno beginnt das Geburtsbecken mit Wasser zu füllen.
Isabelle kontrolliert Herztöne des Babys und Wehen. Alles OK!
Ab zur Muttermunduntersuchung. 9 cm, also fast geschafft. Ich bin
verwundert, dass das jetzt so schnell gegangen ist. Pascale massiert
mir wieder das Kreuzbein. Positionswechsel: Sitzball, 4 Pfoten.
Die Vorbereitung im "Chant Prénatal" fällt
mir ein. Michi kommt, damit wir noch gemeinsam ein Liedchen trällern.
Interessanterweise können wir den "Hibou si triste"
noch komplett singen, ohne dass uns eine Wehe dabei stört.

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17:10 Ab ins Wasser
Endlich gehts
in erfrischende Nass. Der Wasserboiler ist völlig entleert
und das Becken noch nicht ganz voll, doch die Wasserhöhe reicht
vorläufig. Wenn ich will kann ich schon pressen. Nächste
Wehe kommt: Ganz intuitiv, ja ich will! Na, das fühlt sich
ungewohnt an. Bin von der Intensität und dem neuen Gefühl
der Presswehen völlig überrumpelt. Hilfe, wo ist da der
Notausgang, wie ist das zu stoppen? "Ne panique pas!"-
Nur keine Panik... Ich frag Isabelle, ob wir da nicht ein bisserl
langsamer arbeiten können, es geht einfach zu schnell. Sie
antwortet natürlich! Ganz wie Du willst, in Deinem Rhythmus.
OK, also nicht ganz so schnell. Es dauert nicht lange, bis Bruno
auch endlich ins Wasser hüpft, um sich hinter mich zu setzen
und mich gut abzustützen. Kurz darauf meint Isabelle es ist
notwendig dass sie ins Wasser steigt. Ob es uns was ausmacht sie
in der Unterhose zu sehen. Ich biete ihr an eine von meinen Badehosen
auszuborgen, doch dafür ist keine Zeit. Ob ich einen kalten
Fetzen auf die Stirn möchte oder Wasser trinken. Nein danke.
Eingespannt zwischen Bruno und Isabell: nächste Presswehe.
Wie schnell sich meine Meinung ändert: ja bitte, Wasser trinken.
Die Fotografin springt vom Sessel, reicht mir das Wasser. Ich schaffe
es grad noch einen Schluck zu nehmen und das Glas an Pascale weiterzureichen,
bevor die nächste Presswehe einsetzt. Isabelle läßt
mich das Kinderköpfchen greifen, dass schon zu spüren
ist: Unheimlich langer Haarflausch. Kurz darauf liegt er auch schon
auf meinem Bauch:

Winnie Christoph,
von Beruf Sonntagskind.
Geboren am
25. Juni 2006 um 17:25
2,98 kg
52 cm

Es ging alles
so schnell, dass ich es gar nicht fassen konnte, dass es schon vorbei
ist!
Keine Medikamente,
Keine Eingriffe, Weder Dammschnitt noch -riss noch sonstiges.
Natürliche
Geburt. Was schöneres kann es wohl nicht geben.
Unsere erste
Woche mit dem Kleinen ist wie im Flug vergangen.

Wir danken allen, die uns in den letzten Monaten unterstützt
sowie auf dieses Ereignis vorbereitet haben:
Dr. Petra Zizenbacher
Ärztin www.zizenbacher.at
Isabelle Députier Hebamme
Pascale Gendreau Doula www.corpsaccords.info
Brigitte Bonnet Chant Prénatal perso.orange.fr/brigittebonnet
Clémence Vorbereitung im Wasser www.laloutrebleue.com
Marine Boivin SchwarzWeissFotos www.marineboivin.com
Ganz besonderer
Dank gilt unseren
Familien, meinen Eltern, die so einfühlsam begleitet haben
und mir viel organisatorisches sowie Bürokram abgenommen haben.
Meiner Schwester Michaela ein ganz herzliches Dankeschön für
mehr als eine Woche "Rundumbetreuung".
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Photo © by Marine Boivin
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Marine Boivin







Photo © by Marine Boivin

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